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Einstellung zu Hörgeräten

Im AutaRK-Fragebogen konnten die Befragten angeben, welche Einstellungen zu Hörgeräten im Allgemeinen auf sie zutreffen.

Die Daten aus unserer Befragung zeigen, dass nahezu alle Befragten akzeptiert haben, ein Hörgerät tragen zu müssen. Etwas über die Hälfte der Befragten trägt das Hörgerät gerne, ein Zehntel der Befragten fühlt sich mit Hörgerät alt.

Einstellung zu Hörgeräten – Fragebogen-Daten im Überblick

Datengrundlage für die Auswertung sind die N = 170 Teilnehmenden zwischen 55 und 94 Jahren. In der Tabelle „Einstellung zu Hörgeräten“ sind die Angaben der Teilnehmenden zu diesem Aspekt zusammengefasst (siehe Abbildung rechts oder Tabelle als PDF-Dokument).

Einstellung zu Hörgeräten und Geschlecht, Alter und Hörschädigung

An der Fragebogen-Erhebung haben sich gleich viele Frauen und Männer beteiligt. Es zeigte sich weder im Hinblick auf das Geschlecht, das Alter noch auf den Grad der Hörschädigung (Selbsteinschätzung) ein signifikanter Zusammenhang mit den Einstellungen zu Hörgeräten (Chi-Quadrat-Test; p>0,05).

 

Einstellung zu Schwerhörigkeit, Hörgeräten und ihre Folgen –
ein Blick in die qualitativen Daten

Das Gehör lässt im Alter meistens ganz allmählich nach, die Übergänge zwischen „mein Gegenüber nuschelt“ und „ich bin schwerhörig“ sind entsprechend fließend und es ist überhaupt schwer zu bemerken, was man alles nicht mehr hört – das fällt gut hörenden Angehörigen manchmal eher auf als den schwerhörigen Menschen selbst (siehe auch Kapitel Einfluss der Angehörigen).

Doch auch nachdem die Betroffenen sich ihrer Hör-Probleme bewusst geworden sind, zögern viele noch mehrere Jahre, ihr Hören beim HNO-Arzt, bei der HNO-Ärztin oder im Hörakustik-Fachgeschäft testen zu lassen. Sind sie diesen Schritt dann gegangen und haben ihr erstes Hörgerät verschrieben bekommen, merken viele aber noch immer, dass sich etwas in ihnen dagegen sträubt.

Die 74-jährige Ingeborg B.* bekam während unserer Erhebung gerade ihr erstes Hörgerät angepasst. In einer E-Mail beschreibt sie uns, warum sie bei ihrem ersten Besuch bei ihrem Hörakustiker am liebsten Reißaus genommen hätte:

„Ich bin vom HNO-Arzt direkt zum Hörgeräteakustiker. Nach den Eingangsuntersuchungen stand der Termin für die Anpassung fest:

20.02.2020. Als ich an diesem Tag im Geschäft noch ein wenig warten musste (ich war zu früh) dachte ich: ‚Was machst du eigentlich hier?‘, lauter ‚alte‘ Menschen. Anmerkung: Ich bin Jahrgang 1945, also auch nicht mehr jung. Am liebsten wäre ich wieder gegangen.

Der Gedanke, dass ich das Hörgerät nun mein restliches Leben tragen sollte, wollte sich nicht so recht verfestigen. Dann wurde ich aufgerufen, und es gab kein zurück.“
 (Ingeborg B.* | 74 Jahre | bekommt erstes HG angepasst | DJ01, Pos. 61-63)

Auch die 90-jährige Waltraud R.* musste in der Anfangs-Zeit mit Hörgerät erst ihre „Igel-Stacheln“ überwinden:

„Wenn ich mir nen neuen Schuh kaufe, drückt der. Ich muss mich erstmal daran gewöhnen. Und so geht’s auch mit’m Hörgerät. Das ist ja was Fremdes und das Ohr will erst nicht. Und das muss erst im Kopf klar sein, dass ich das jetzt trage, weil es mir gut tut, weil ich ja dann mehr höre als vorher. Aber man muss erstmal so weit sein. Erst ist es wie beim Igel, kommen Stacheln raus.“
 (Waltraud R.* | 90 Jahre | trägt HG gelegentlich | Int18, Pos. 25)

Hörgeräte sollten nicht drücken oder schmerzen (in diesem Fall sollte man den Hörakustiker, die Hörakustikerin aufsuchen), zu Beginn sind sie aber dennoch erstmal gewöhnungs-bedürftige Fremd-Körper. Sich an das neue Hören mit Hörgerät zu gewöhnen, kann in der ersten Zeit unangenehm sein und bedeutet einen gewissen Aufwand – ganz besonders dann, wenn man den Hör-Problemen lange Zeit nicht nachgegangen ist (siehe Kapitel Hörgeräte-Anpassung – Beratungsgespräch).

 

Schwerhörigkeit und Hörgeräte werden nach wie vor stimatisiert

Es kommt aber noch ein weiterer „Igel-Stachel“ hinzu: Während Brillen unterdessen als ganz normales Mode-Accessoire akzeptiert sind, die (so eine Interviewte) „selbst dem dööfsten Gesicht einen Anstrich von Intelligenz“ verleihen, denken viele Menschen bei Hörgeräten noch immer zuerst an Alter, Gebrechlichkeit und Behinderung – und das in einer Gesellschaft, in der Jugend, Leistungsfähigkeit und Autonomie zentrale Werte sind.

Das führt bei vielen Betroffenen dazu, dass sie zunächst versuchen, ihre Hör-Probleme zu verbergen:

„Ein Hörgerät ist doch noch immer mit dem Makel behaftet, dass man ne Behinderung hat. Und ja – das hab ich ja bei mir selber auch gesehen. Also wie ich erst versucht habe, mir das nicht anmerken zu lassen, dass ich vieles nicht verstanden habe. Und später habe ich gedacht, ich bin doch nicht blöd, das mach ich nicht mehr.“

(Renate H.* | 77 Jahre | trägt HG regelmäßig | Int12, Pos. 387)

Warum die 77-jährige Renate H.* diese Geheimhaltungs-Strategie aus heutiger Sicht „blöd“ findet, liegt daran, dass diese über die Zeit immer anstrengender wird, zu Missverständnissen und Konflikten führt und befördert, dass sich die Betroffenen mehr und mehr aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen und vereinsamen (siehe auch Kapitel Kommunikations-Strategien). Heutzutage geht Renate H.* selbstbewusster mit ihrer Schwerhörigkeit um:

„Das [Hörgerät] sieht man hier (deutet auf ihre Ohren). Aber ich bin nicht so eitel. Im Gegenteil: Ich hätte mir die Haare ja auch [über die Ohren] rüberwachsen lassen können – aber da hab ich gedacht, selbst mit Hörgeräten kann man ja sich mal verhören. Und da sollen sie lieber sehen, dass ich Geräte trage, das ist mir dann auch angenehmer.“
 (Renate H.* | 77 Jahre | trägt HG regelmäßig | Int12, Pos. 17)

 

Ein offener Umgang mit Hör-Problemen macht es überhaupt erst möglich, bei Gesprächspartnerinnen und -Partnern auf Verständnis zu stoßen, wenn man nicht alles sofort versteht – andernfalls werden schwerhörige Menschen manchmal fälschlicherweise für unaufmerksam, unhöflich („Die grüßt ja gar nicht zurück!“), unkooperativ oder sogar für dement gehalten. Wenn man offen sagt, dass man schwerhörig ist, kann man das Gegenüber auch leichter darum bitten, „hör-freundlicher“ zu mit einem kommunizieren – z. B. langsamer und deutlicher oder ins bessere Ohr hinein zu sprechen, sich beim Sprechen nicht abzuwenden oder Stör-Geräusche abzuschalten, die das Verständnis erschweren (mehr zu Kommunikations-Strategien zum besseren Verstehen im Alltag, siehe Kapitel Kommunikations-Strategien).

Zwar kosten solche Bitten oft einige Überwindung, viele Familien-Mitglieder, Freunde oder Kolleginnen möchten aber wirklich gerne, dass die betroffene Person sie gut versteht, und freuen sich, wenn diese ihnen Informationen an die Hand gibt, was sie dafür tun können (auch wenn es ihnen manchmal schwerfällt, spontan daran zu denken, und immer mal wieder daran erinnert werden müssen).

 

Audio-Therapie und warum wir mehr über Schwerhörigkeit reden sollten

Schwerhörigkeit ist nach wie vor ein Tabu-Thema, weshalb sowohl in der Öffentlichkeit als auch im privaten Kreis nur selten darüber geredet wird. So schreibt uns etwa die 70-jährige Annegret F.* in einer E-Mail auf die Frage, ob sie sich mit anderen schwerhörigen Menschen dazu austauscht: 

„In unserem Bekanntenkreis gibt es etliche Damen und Herren mit Hörgeräten. Einige der Herren tragen die Hörhilfen regelmäßig, andere sporadisch. Sprechen möchten die meisten Betroffenen nicht über die Hörhilfen. Ist es Eitelkeit? Die Damen können die Geräte besser verstecken, deshalb weiß man es bei vielen nicht. Auch ich habe meine Haare über den Ohren, damit man es nicht so sieht.“
 (Annegret F.* | 70 Jahre | trägt HG regelmäßig | DJ03 B6, Pos. 353-357)

Das Schweigen und Verstecken trägt dazu bei, dass „Hörgeräte-Neulinge“ in der Regel sehr wenig Vorwissen zu Hören, Hörtechnik und den Abläufen bei der Hörgeräte-Anpassung mitbringen, was die Flut von neuen Informationen vergrößert, die sie bei der Erst-Anpassung aufnehmen und verarbeiten müssen (siehe auch die Kapitel Informations-Kanäle sowie Nutzung gedruckter Informationen). Außerdem muss in der Regel jede bzw. jeder für sich „das Rad neu erfinden“, mit welchen Strategien er oder sie über das Tragen der Hörgeräte hinaus dafür sorgen kann, im Alltag besser zu hören und zu verstehen (unter Tipps und Strategien haben wir einige bewährte Kommunikations-Strategien unserer Interviewten gesammelt).

 

Menschen, die selbst nicht schwerhörig sind, wissen deshalb meistens sogar noch weniger, wie sie am besten mit einer Person kommunizieren können, die schwer hört – was zu Unsicherheiten im Umgang führt und zu gut gemeinten, aber kontraproduktiven Maßnahmen wie z. B. Schreien oder Überartikulieren (was das Verständnis für die Betroffenen weiter erschwert, siehe auch Kapitel In Vortrag, Theater, Predigt).

Selbst in Einrichtungen und bei Angeboten, die Senioren und Seniorinnen ausdrücklich zur Zielgruppe haben, findet das Thema Schwerhörigkeit erstaunlich wenig Berücksichtigung – ist doch statistisch davon auszugehen, dass sich darunter viele schwerhörige Menschen befinden (nach einer Untersuchung in Norddeutschland von 2015 waren z. B. unter den 60 bis 69-Jährigen 20 % schwerhörig, unter den 70 bis 79-jährigen waren es schon 42 %, bei den Über-80-Jährigen sogar 72 %).

 

Wir hoffen, mit dem Projekt „AutaRK_aktiv hören“ ein kleines Stück zu einem offeneren Umgang mit Schwerhörigkeit beitragen zu können. Wie die von uns interviewten Expertinnen und Experten vom Deutschen Schwerhörigenbund e. V. einhellig bestätigen, ist es bis zur Enttabuisierung des Themas aber noch ein langer Weg.

Eine mittelfristig leichter zu erreichende Maßnahme, die schwerhörigen Menschen die emotionale Bewältigung der Hörbeeinträchtigung, die Gewöhnung an das neue Hören und das Erlernen von Kommunikations-Strategien für den Alltag erleichtern könnte, wäre ein flächendeckendes und von den Kostenträgern übernommenes Angebot an Audio-Therapie (mehr dazu im Kapitel Audio-Therapie).

 

 

Weitere Infos / zum Weiterlesen 

Die im Text zitierte Studie zur Häufigkeit von Schwerhörigkeit in Norddeutschland ist die Folgende:

Petra von Gablenz, Inga Holube (2015): Prävalenz von Schwerhörigkeit im Nordwesten Deutschlands. Ergebnisse einer epidemiologischen Untersuchung zum Hörstatus (HÖRSTAT) In: HNO 63, 195-214.

Link zur Studie: https://link.springer.com/article/10.1007/s00106-016-0314-8 (zuletzt geprüft am 24.06.2022)

 

Der Deutsche Schwerhörigenbund e. V. (DSB) hat einen Ratgeber für schwerhörige Menschen und deren Angehörige herausgegeben mit vielen Tipps, wie man einander im Alltag besser verstehen kann.

 

Irmgard Schauffler, Norbert Böttges (2017): Tipps für schwerhörige und gut hörende Menschen im Umgang miteinander. Berlin.

Link: https://www.schwerhoerigen-netz.de/fileadmin/user_upload/dsb/Dokumente/Information/Service/Ratgeber/Ratgeber2_Tipps_fuer_den_Umgang_miteinander.pdf (zuletzt geprüft am 24.06.2022)

 

Zur Stigmatisierung von Schwerhörigkeit und den Folgen für Betroffene gibt es zahlreiche Studien (vor allem auch aus englischsprachigen und skandinavischen Ländern). Eine umfangreiche und nach wie vor sehr lesenswerte deutschsprachige Veröffentlichung zum Thema stammt von Corinna Pelz:

 

Corinna Pelz (2007): Das Stigma Schwerhörigkeit. Empirische Studien und Ansätze zur Erhöhung der Akzeptanz von Hörgeräten. Heidelberg: Median-Verlag.

Grafiken und Diagramme:

Einstellung zu Hörgeräten

Abbildung 1:
Einstellung zu Hörgeräten


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